Grundkonstruktionen | Fensterrose | Gewölbe


Gotik

 

Gott schaft mit einem Zirkelschlag aus dem Chaos die Welt.

aus einer Handschrift aus der Mitte des 13. Jhs.

 

Begriff Gotik (franz. »art gothique«), Stil der hoch- und spätmittelalterlichen Kunst. Der Bezeichnung liegt die Auffassung der italienischen Renaissance-Theoretiker zugrunde (Vasari), die Goten, die in der Völkerwanderung die antike Kultur Italiens zerstörten, seien Urheber der als fremd und barbarisch empfundenen mittelalterlichen Kunst gewesen. Erst mit dem wachsenden bürgerlichen Nationalbewußtsein in England, Frankreich, Deutschland (Neugotik) änderte sich im 18. und frühen 19. Jh. die bis dahin abschätzige Beurteilung, wobei im 18. Jh. »gothisch« sowohl positiv als auch negativ verwendet worden ist, und um 1820 zur genaueren Umgrenzung des Begriffes Gotik und seiner Anwendung auf die Kunst (zunächst nur Baukunst und Ornamentik) zwischen Romanik und Renaissance führte.
Ursprung und Ausbreitung Ursprungsland der Gotik ist Frankreich, speziell die Île-de-France; hier entstand sie Mitte des 12. Jhs. und wurde im Laufe eines Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa, östlich bis zu den baltischen Küstenstädten und nach Ungarn, aufgenommen sowie durch die Kreuzfahrer bis Palästina und Zypern verbreitet. In Deutschland setzte sie sich nach zögerndem Anfang um 1230 durch. Sie endete in Italien Anfang bis Mitte des 15. Jhs., in den anderen Ländern in der 1. Hälfte des 16. Jhs. Allgemein unterscheidet man dabei Früh- und Hoch-Gotik von der von ihnen deutlich unterscheidbaren, zwischen 1300 - 50 einsetzenden Spätgotik, wie die italienische Renaissance Teil der komplizierten Prozesse im Spätmittelalter und im beginnenden Übergang zur frühen Neuzeit, und einer Nachgotik im 16. Jh. bzw. noch Anfang des 17. Jhs.
gesellschaftliche Bedingungen Die Gotik ist Resultat und Medium komplexer sozialökonomischer, politischer, kirchlich-religiöser und kulturell-geistiger Vorgänge innerhalb des Feudalismus als sozialökonomische Gesellschaftsformation. Beginn und Höhepunkt der Gotik sind gebunden an die entfaltete Feudalgesellschaft des Hochmittelalters: mit ihrer vollen Durchsetzung der feudalen Produktionsverhältnisse durch Waren- und Geldwirtschaft und Handel, mit der Festigung des Städtebürgertums und der Städte als neuer sozialer, politischer und kultureller Kraft, mit einer generell verdichteteren Kommunikation (durch den Fernhandel gefördert); in West-Europa (bes. Frankreich) zudem geknüpft an das Bestreben des Königtums, in zentralisierten Monarchien feudale Zersplitterung zu überwinden. Insofern sind Genesis und Rezeption der Gotik aktiver Faktor in einem historischen Prozess, der insgesamt durch Aufbruch, Aufstieg, Entwicklung und Dynamisierung von gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt ist. Diese prägen sich nicht konfliktlos aus, sondern unter jeweilig besonderen Konstellationen und Beziehungen der sozialen Gruppen, als Kampf und Kooperation bzw. in Auseinandersetzung mit verbreiteten Häresien. Wachsende praktische und geistige Mobilität der Menschen (»Stadtluft macht frei«) korrespondiert widersprüchlich mit sich festigender Einbindung in einen übergeordneten (ständischen., territorialen, nationalen) Zusammenhang. Folgenreich wird die Ausbreitung eines besonders durch Lebenstätigkeiten und Ideologie des Städtebürgertums begünstigten Rationalismus, der sich auf unterschiedliche Weise auch im theologisch - philosophischen Denken artikulierte (Scholastik: Nominalismus-Realismus-Streit u.a.).
Kultur Einher geht eine Zunahme an Vergegenwärtigung, Versinnlichung diesseitiger Elemente in der Kultur, die die Sakralkunst in einem längeren Prozess verändert und die Bedeutung des profanen Bereiches in der künstlerischen Kultur stärkt, neben den höfischen Interessen dabei auch den bürgerlichen Bedürfnissen mehr Raum gibt. Eine neue Stufe gesteigerter Inanspruchnahme subjektiver Empfindungen und Gefühlskräfte bricht sich u.a. in verschiedenen mystischen Bewegungen Bahn. Kirchliche Reformbewegungen reagieren auf diese Prozesse, suchen sie zu kanalisieren und haben Anteil an bestimmten Zügen der Kunst (Zisterzienser, Bettelorden). Besonders letztere erlangen Bedeutung für die städtische Kultur der Zeit. Generell kann man von einer fortschreitenden Verstädterung der Kunstverhältnisse als Grundzug innerhalb der Gotik ausgehen.
Kunstproduktion Die Bauhütte, entstanden zuerst an den großen französischen Kathedralbauten, löst mönchische Bauverbände ab, Stellung und Rang des Architekten wandeln sich. Die Künstler beginnen sich in städtischen Werkstätten und in Zünften zu organisieren bzw. suchen als Hofkünstler ihrem Wirken besonders Anspruch auch gegenüber den Städten zu sichern. Schließlich beginnen auch Steinmetzzünfte mit den Bauhütten zu konkurrieren. Wie auf der Seite der Kunstproduzenten verbreitert und differenziert sich die Basis des Kunstschaffens auf Seiten der Auftraggeber. Zum kirchlichen und aristokratischen Auftrag tritt der städte-bürgerliche, als Auftrag der Kommune, der Korporationen, schließlich auch als private Stiftung. In diesen Prozess eines Aufschwungs besonders im 12./13. Jh.(...) werden auch die technischen Möglichkeiten der Künste erweitert, besonders deutlich im Entstehen serieller Vorfertigung auf den Großbaustellen der französischen gotischen Kathedralen, die zu Zentren technischer und ästhetischer Innovationen werden. Neue Bauaufgaben (u.a. durch städtische Funktionen) und Bildtypen werden ausgebildet, die Kunstproduktion vervielfältigt sich auch quantitativ erheblich.
Stilmittel Bei aller erstaunlich großen stilistischen Einheitlichkeit in weiten Teilen Europas darf zunehmende Verschiedenheit, z. T. Pluralität, nicht übersehen werden. Vielmehr ist künftig in der Forschung genauer zu fragen, welche und wessen politische, religiöse, ästhetische Interessen und Überlegungen zur jeweiligen Rezeption, zu bestimmten Traditionsentscheidungen oder Neuerungen innerhalb des gotischen Stilsystems führten, was bestimmte Wandlungen hervortrieb: dass also Gotik wie jeder andere Stil bewusste Gestaltung ist, bezogen auf bestimmte Bau- und Bildaufgaben, Funktionen, Handhabung von Stilmitteln. Vorbereitet in der Romanik, von der die Gotik ausgeht und sie überbietet, ist Gotik durch eine faszinierende Mannigfaltigkeit der Stilmittel und Formqualitäten charakterisiert. Der großen Bedeutsamkeit des Vertikalen, Schlanken, Feinen, Biegsamen antworten Gegenströmungen des horizontalen Akzents, des Gedrungenen, Blockhaft-Derben. Mit der Neigung zur gehäuften Wiederholung isomorpher Elemente besonders am Bau (Dienste, Kapitelle, Fialen, Krabben, Gewandfalten) korrespondieren Ordnungselemente der Subordination, Stufung oder des verschleifenden Übergangs, aber auch der (religiös, ökonomisch oder sonst wie begründeten) Enthaltsamkeit gegenüber übermäßiger Zier. Hinzu kommt und ist bei Verallgemeinerungen zu beachten: Architekten und Künstler (wie Auftraggeber) wussten zwischen den Aufgaben, Bauteilen, Funktionen zu unterscheiden. Formen sind absichtsvoll benutzt worden, um beispielsweise an Kathedralen oder Bettelordenskirchen Raumteile nach ihrer Ranghöhe abzustufen.
Sakralarchitektur In der Baukunst blieb der Sakralbau die vornehmste Aufgabe, im Prozess der Urbanisierung wuchsen sogar die Ansprüche an ihn, an die Stellung der Kirchen in und zur Stadt (Zeichenbedeutung der Türme, generell der Höhen-Dimension, Funktionen der Portalzonen, z.B. auch für weltlich-städtischen Aufgaben wie Rechtsprechung). Kennzeichnend für die Gotik ist eine oft erstaunliche konstruktive Kühnheit unter Ausbildung neuer Möglichkeiten. Auch wenn am Prinzip der Raumzelle als »Jochzelle mit ihren Kreuzrippen und ihrer Dienstsystematik« (Kimpel / Suckale) festgehalten wird, ändert sich die Raumqualität durch eben jenes Dienstsystem und seine rhythmische Folge im Raum. Resultat ist ein im Vergleich zur Romanik anderer Typ von Raumeinheit: Grundriss, Wandform, Wölbung lassen das (funktional) Besondere der Raumteile erkennen und erscheinen doch als neuartig mannigfaltige Einheit. Dazu trägt auch der weitgehende Verzicht auf die Krypta aus liturgisch-kultischen und architektonischen Gründen bei; das Querhaus wird tendenziell inniger mit dem Langhaus verbunden. Alle Körper verlieren ihre raumbegrenzende Funktion und werden als Binnenformen Teile eines Gesamtzusammenhanges. Auf der anderen Seite führen sozial und kultisch erforderliche Abgrenzungen zu neuen raumtrennenden Formen wie dem Lettner. Da zunächst der traditionelle Typ der Basilika vorherrscht, bleibt das Mittelschiff einheitlicher Erlebnisraum, der allerdings die Existenz der Seitenschiffe einschließt; inwieweit ältere Funktionen der Raumteile weiterwirken, ist noch zu wenig erforscht. Die Seitenschiffe sind als Chorumgang um den Chor herumgeführt, an sie legt sich ein Kapellenkranz. Das System der Wand besteht aus Arkaden, darüber in der Frühstufe der französischen Kathedral-Gotik entweder ein zweiteiliger oder dreiteiliger Aufbau (Empore, Triforium und Obergadenfenster). An die Stelle der Wand als massiver Mauer und Widerlager für die Gewölbe tritt ein Skelettbau plastisch-körperhafter Formen, der den Raum als Dunkelgrund oder mit farbig leuchtenden Glasfensterflächen einschließt. Entscheidend war in konstruktiver wie in ästhetischer Hinsicht die Verwendung von Kreuzrippengewölben und Spitzbogen. Im Inneren nehmen Dienste die Gurte und Rippen der Gewölbe auf, sie scheinen als Leitbahnen die in der Konstruktion wirksamen Kräfte in sich zu sammeln. Außen leitet ein System von Strebepfeilern und -bögen den Schub der Gewölbe ab. Die Vertikale herrscht vor, die Horizontalen werden von aufsteigenden Diensten, Wimpergen, Fialen usw. überschnitten. Das schließt gegenläufige Tendenzen nicht aus, Bauten, bei denen dem horizontalen Ausgleich stärkeres Gewicht zukommt. Alle Formen sind in sich geteilt und weisen zugleich über sich hinaus; einzeln genommen wirken sie unvollständig und erhalten erst im Zusammenhang Funktion und Sinn.

Der Kirchenbau wurde als Ganzes wahrscheinlich symbolisch begriffen (Abbild des »himmlischen Jerusalem«), die ganze Architektur wirkt besonders bei den Kathedralen an dieser Suggestion mit, nicht nur die Symbolik einzelner Bauformen. Der Kirchenbau wird Träger einer reichen enzyklopädischen Bilderwelt (s. u.), die sich neuartig an die städtische Öffentlichkeit wendet.

Schmuckformen Die spezifische Schmuckform der Gotik ist das Maßwerk; daneben eine reiche, z. T. naturalistische Kapitellornamentik, ebenso Krabben, Kreuzblumen. Einen Höhepunkt erlebt die Fensterrose.

In der Spät-Gotik wird die Basilika im allgemeinen von der Hallenkirche abgelöst. Der Raum wird definitiv vereinheitlicht, ohne Wegecharakter und funktionell-ästhetischer Abstufung von Langhaus und Chor zu negieren, die Pfeiler wirken in ihn eingestellt. Die Auflösung des Raummantels wird allerdings zurückgebildet; statt plastischer Durchgliederung erfolgt eine malerische Belebung durch Licht und Schatten. Dekorative Netz- oder Sterngewölbe betonen die Raumeinheit. Kiel- und Vorhangbogen lösen den Spitzbogen ab; das Maßwerk, bei dem man noch am ehesten innerhalb der Gotik von »Entwicklung« reden kann, wird kompliziert (Fischblase, Flamboyant-Stil), später starrer. Als neues Ornament tritt das Astwerk auf.

Profanbauten Der bürgerliche Profanbau erlebt seine erste Blüte (Bürgerhaus). Städte und Stadtteile werden im Zuge der Binnenkolonisation und Entwicklung der Produktionsverhältnisse planmäßig angelegt. Wohnhäuser reihen sich als bauliche Individuen, aber noch korporativ gebunden. In Gemeinschaftsbauten (Rathäusern, Zunfthäusern, Verkaufshallen, Hospitälern usw.) und den Anlagen der Stadtbefestigung (Tore) manifestiert sich die Macht des städtischen Bürgertums. Allerdings muss man sorgfältig unterscheiden zwischen Städten, die sich vom feudalen Stadtherrn befreien konnten und solchen, die abhängig blieben, zwischen den großen Städten und kleinen »Ackerbürgerstädten«. 

Am Ende der Gotik wandelt sich die Burg zum aufwendigeren und wohnlicheren Schloss (Albrechtsburg in Meißen), eine wohl seit ca. 1300 besonders in Frankreich eingeleitete Entwicklung (u.a. Papstpalast in Avignon).

Französische Gotik Einzelne Formelemente der Gotik waren bereits im 11. und frühen 12. Jh. im anglonormannischen Gebiet, in Burgund und wohl auch in der Provence vorgebildet (der technisch günstige Spitzbogen, normannische Kreuzrippengewölbe und Widerlagertechnik, Kapellenkranz, Figurenportal u.a.). Im ökonomisch und politisch dynamischsten und fortgeschrittensten Territorium, dem »Königsland« der Île-de-France, wurden die einzelnen Elemente zu einem neuen Stil verschmolzen, der vom offenkundigen Bewusstsein des Neuseins getragen, zur Umwandlung und zum »Überbieten« der Romanik führt. Diese frühe Gotik wird geschaffen an Großbauten hoher öffentlicher Funktion, getragen von einer sozialen Interessenkoalition, bei der Königtum, Bischöfe, Domkapitel und Kommunen, jeweils unterschiedlich gewichtet, zusammenwirken.

Der Chor der Abteikirche von St.-Denis unter Abt Suger (1140-44), die Kathedrale von Sens (beg. vor 1142), der Chor der Kathedrale von Noyon sind die frühesten Beispiele: sie stehen für die Formvielfalt des Anfangs. Jede der nachfolgenden Kathedralen bis Mitte des 13. Jhs. bildet eine eigene Synthese der bereitgestellten variations- und entwicklungsfähigen Mittel aus (z.B. Erfindung des »kantonierten Pfeilers« in Chartres, Neubau ab 1194), zwischen grundsätzlicher Gemeinsamkeit der Interessen und Sonderbedürfnissen der Bauherrn (z.B. »Paradigmenwechsel« zu einer gewissen »lapidaren Einfachheit« in Chartres u.a., konform zum politisch-kulturellen »Stil« unter König Philippe Auguste): in einem Austausch, der Konkurrenz ebenso einschließt wie die Fähigkeit der Architekten zum schöpferischen Umgang mit dem Formenarsenal, einschließlich des bedeutungsvollen Zitierens. Über dieser differenzierten Kathedralgotik (außer den genannten Bauten Laon, Reims, Amiens, Notre-Dame in Paris, Bourges, Soissons und Auxerre) darf nicht mehr außer acht gelassen werden, dass die »Baubewegung« im Kronland und von diesem ausstrahlend alle kirchlichen Bauaufgaben erfasste (Bischofs-, Kloster- und Pfarrkirchen, Palastkapellen). Allein für die Île-de-France werden ca. 2.500 Kirchen geschätzt. Sie alle erst dokumentieren den Aufschwung in diesem Gebiet als »Ausdruck der erneuerten französischen Monarchie«. In diesem Prozess zeichnen sich Tendenzen ab, die besonders im 13. Jh. zur Bereicherung und Komplizierung der Formen führen (besonders deutlich an der Entfaltung des Maßwerks, z.B. Amiens), auch zu einem extremen Vertikalismus (Kathedrale von Beauvais, beg. 1247). Um die Mitte des 13. Jh. bildet sich dabei der sog. »Style Rayonnante«: Wand, Bauglieder und -schmuck sind nicht mehr prinzipiell getrennt und durchdringen sich in der architektonischen Gestaltung (Amiens; Reims-West; St.-Denis). Eine eigene Stellung, auch als betonte Hofkunst unter Ludwig dem Hl., beanspruchen die zur bedeutenden Bauaufgabe aufsteigenden Palastkapellen (v.a. die Ste.-Chapelle in Paris, 1243-48). Die Ausdehnung der Gotik in Frankreich, besonders nach Süden, folgt in hohem Maße der Ausweitung der königlichen Hegemonie. Dabei entstehen regionale Sonderungen (Burgund z.B., nicht zuletzt durch die Zisterzienser, die ihre Eigenarten u.a. in Deutschland und Italien verbreiten: sog. »Zisterziensergotik«; Tendenz zur gotischen Hallenkirche im Anjou und Poitou).

Englische Sondergotik Die englische Gotik beruht teilweise auf eigenen Grundlagen (Grundrissbildung), ist andererseits zunächst abhängig von der nordwestfranzösischen. In ihr gewinnt eine Tendenz zur Formenmultiplikation und zum Dekorativen, schließlich auch zur Betonung der Horizontale die Oberhand. Die Entwicklungsphasen der englischen Gotik sind Early English, Decorated Style und Perpendicular Style (Kathedrale von Canterbury, beg. 1175; Kathedrale von Salisbury, 1220-66; Kapelle des Kings' College in Cambridge, 1502-20).
Italienische Gotik Nach Italien brachten die Zisterzienser die Gotik aus Burgund (Casamari, 1203-17). Die Gotik wurde v.a. getragen von den Bettelorden (S. Francesco in Assisi, 1228-63, als antistaufisch-gotischer Bau; Sta. Croce in Florenz). Die Denkmäler der Gotik befinden sich v.a. in Mittel- und Oberitalien (Dome in Siena, 1229-1372; Orvieto, 1310; Florenz, Sta. Maria del Fiore; Mailand, 1387-1418). Kennzeichnend für die italienische Gotik sind Streben nach Weiträumigkeit und Verzicht auf extremen Vertikalismus; weitgehender Verzicht auf die Doppelturmfassade; Fassadenverkleidung mit farbigen Marmoreinlagen, d. h. eher frühchristlich-romanische Traditionen; auch offener Dachstuhl erscheint. Neben Kirchen entstanden bedeutende Profanbauten (Venedig, Dogenpalast; Florenz, Palazzo Vecchio und Loggia dei Lanzi).
Gotik in Deutschland Für die Gotik in Deutschland sind die unterschiedlichen sozialen Trägerschichten besonders charakteristisch. Konsequent ist zu unterscheiden zwischen den Bischofsdomen, den Bauten der Orden (Zisterzienser, Bettelorden), den städtischen Pfarrkirchen. Diese Unterscheidung schließt Wechselwirkung nicht aus, auch nicht Interessensymbiosen, die dann auf die Baugestalt Einfluss haben. Neben der Ausstrahlung französischen Kathedralgotik vermittelten die Zisterzienser im 13. Jh. besonders die neue Konstruktionsweise (Maulbronn, Walkenried, Ebrach, Heiligenkreuz, Lilienfeld). Das erste Bauwerk nach gotischem Plan in Deutschland war der Magdeburger Dom (beg. 1209). Wie alle Großbauten der 1. Hälfte des 13. Jh. zeigt er eine Sonderprägung, die mit lokalen und romanischen Traditionen vielfach durchdrungen ist. Eigenständige Lösungen charakterisieren den Zentralbau der Liebfrauenkirche in Trier, den Hallenbau der Elisabethkirche in Marburg, die westfälische Hallenkirche (u.a. Dome von Herford, Paderborn), für den Dom zu Münster werden die kuppelartigen Kreuzrippengewölbe des Anjou aufgenommen usw. Französischer Kathedralgotik besonders nah sind Langhaus und West-Fassade des Straßburger Münsters und der 1248 begonnene Neubau des Kölner Domes. Besonders unter Einfluss der Bettelordensarchitektur erfolgt für städtische Pfarrkirchen eine Stilbildung, die auf Triforien und freiliegende Strebebögen verzichtet, zum weiten Arkadenschritt tendiert, im Inneren der Wandfläche über den Arkaden mehr Bedeutung zumisst, Weiträumigkeit gegenüber Vertikalismus bevorzugt. Basilika und Hallenkirche werden für Pfarrkirchen gleicherweise genutzt. Teilweise eigene Wege erarbeitete der norddeutsche Backsteinbau; er ging zwar von Hausteinformen aus, fand aber bald strukturelle und dekorative Lösungen, die der Spezifik des Baumaterials entsprachen. Den vielleicht bedeutendsten Beitrag zur Gotik leistete Deutschland mit der Ausprägung des Hallenumgangschores und schließlich mit den spätgotischen Hallenkirchen in Schwaben, Franken, Bayern und Obersachsen. Für die Transformation von einer »nachklassischen Gotik« zur Spätgotik in Mitteleuropa erlangte Prag seit Mitte des 14. Jh. als Hauptsitz des deutschen Kaisers und böhmischen Königs Karl IV. und mit der überragenden Persönlichkeit von Peter Parler als Architekt und Bildhauer besondere Bedeutung.
Plastik Die Bauplastik ordnet sich mit neuer Systematik nach Sinn und Form zunächst vor allem der Architektur unter. Das gilt zuallererst für die großen Kathedralportale des 12. und 13. Jh. Mit den West-Fassaden von St.-Denis (ab 1137, nur Reste erh.) und Chartres (ab 1144) beginnt die Reihe dieser v.a. auf die Stadt bezogenen, zu Riesendimensionen entfalteten Gewändefigurenportale (Paris, Notre-Dame, Querhausfassaden in Chartres, Laon, Senlis, Reims, Amiens). In Deutschland folgen mit unterschiedlicher Konsequenz Straßburg, Bamberg, Magdeburg, Freiberg u.a.). Thematisch sind die Portale zentriert auf Weltgericht, Menschwerdung und endzeitliche Wiederkunft Christi und auf Maria, auf für den Bau bzw. den Ort wichtige Heilige. Bei französischen Kathedralen kommt die Königsgalerie hinzu. Architekturgebunden ist auch ein Teil der Plastik im Kircheninneren (Lettnerreliefs; Apostelfiguren an den Pfeilern von Chor bzw. Langhaus, später auch weitere Heilige; Stifterfiguren im Naumburger West-Chor). V.a. an französischen Kathedralen machen umfangreiche Folgen von Statuen und Reliefs das gesamte, von der Scholastik mitgeprägte Welt- und Geschichtsbild mit manifestativen und didaktischen Absichten und neuartiger sinnlich-emotionaler Qualität anschaulich. Bezugspunkt an den einzelnen Portalen ist meist die Trumeau-Figur, bes. Christus (Beau Dieu) oder Maria.

Parallel vermehrt sich seit dem 13. Jh. eine weniger architektonisch gebundene Plastik. Dabei ist die Plastik des 12. Jh. in Frankreich in ihrer strengen Hoheit und majestätischen Distanz zum Betrachter zunächst Steigerung und Überbietung der romanischen Pilger-Kirchenportale Süd-Frankreichs und Nord-Spaniens. Das gilt selbst noch z. T. für die Chartreser Querhausportale. Ein neuer Schub der Auseinandersetzung mit der byzantinischen und antiken Kunst wird folgenreich. In der Bauhütte von Reims setzt eine Plastik ein, deren Wirkungsmittel zunehmend die vergegenwärtigende Illusion des natürlichen Erscheinungsbildes und Verhaltens wird, bis schließlich die Individualität der Figur als Statute in ein spannungsvolles und auch dialogisches Verhältnis zu anderen Figuren bzw. zur Architektur tritt. Die Bildwerke gewinnen dabei an plastischem Volumen, die Charakterisierung der Typen und Gesichter tendiert zu individuellen Zügen.

Diese prägen fortan im Zusammenwirken mit ständischen Anspruchsformeln auch die sich ausbreitende Grabplastik (bes. ab 13. Jh.) und das im 14. Jh. hinzutretende Epitaph. Dem architektonischen Rayonnantstil der Mitte des 13. Jh. entspricht eine besonders durch die Hofkunst unter Ludwig dem Hl. bestimmten Tendenz, die höfische Eleganz, Idealität und Transzendenz verstärkt (Plastik der Ste.-Chapelle; Buchmalerei).

Die Plastik in Deutschland ist im 13. Jh. durch das jeweils besondere Bedingungsgefüge des Auftrags und durch die Bauherrn bestimmt, dadurch erscheinen je andere Grundrichtungen des Ausdrucks und der verwendeten unterschiedlichen, ja heterogenen Stilmittel (Bamberg, Naumburg, Magdeburg, Freiberg, Mainz, Trier). Zudem ist für die sog. sächsisch-thüringische Wand- und Buchmalerei und vergleichbare Plastik (Triumphkreuzgruppen, u.a. Halberstadt) zwischen ca. 1180-1200 und 1250 der Begriff einer »Alternativgotik« (H. Belting) weiter zu erwägen. Noch Ende des 13. Jh. stellt sich kaum ein hochgotischer Einheitsstil her, so unterschiedlich ist die Plastik an den Zentren Köln, Straßburg, Freiburg/Br. Allenfalls läßt sich übergreifend ein stärkeres Abstrahieren der Gewandfigur ausmachen als Neigung zu überschlanken, s-förmig durchgebogenen, wie schwebend wirkenden Gestalten (Kölner Domchor-Apostel, seit 1270-80). Der Körper verschwindet hinter einer Gewandfassade; ein neuer ästhetischer Wert der Gewandfigur entsteht. Jedoch hat die Forschung deutlich gemacht, daß gerade in Köln um 1300 unterschiedliche Stiltendenzen neben- und ineinander wirkten. Bildprogramme differenzieren sich, z.B. erscheint häufiger das Thema der »Klugen und törichten Jungfrauen« Amiens, Paris; Magdeburg, Straßburg).

Altar Seit der 1. Hälfte des 13. Jh. bilden sich, u.a. im Reliquienschrein vorbereitet, das Altarretabel und der Flügelaltar heraus; ihre Vorgeschichte ist um 1300 abgeschlossen. Die Architekturplastik der Bauhütten verliert an Bedeutung, sofern nicht gewichtige Ansprüche ihre programmatische Erneuerung bewirken (Bauplastik der frühen Spätgotik in der 2. Hälfte des 14. Jh. in südwestlichen und fränkisch-bayerischen Städten, wie Schwäbisch-Gmünd, Nürnberg, Ulm, Augsburg; Prager Kathedralplastik unter P. Parler; Wien). Danach treten die Holzbildnerei der Altarschreine und die Kleinplastik für Hausaltäre und Reliquiare (Materialien auch Elfenbein, z.B. Pariser Werkstätten des 14. Jh.; Ton; Alabaster, ein Produktionszentrum in den südlichen Niederlanden bzw. Nord-Frankreich im 14./15. Jh.) in den Vordergrund. Um 1300 vollzieht sich die Wende von der steinernen Retabelwand zum geschnitzten Flügelaltar (z.B. Hochaltar Bad Doberan, um 1310).
Entwicklungstendenzen Eine neue kollektive und individuelle Frömmigkeit äußert sich seit Ende des 13. Jh. in einem neuen Schub der Mystik und findet besonders in Deutschland ihre Entsprechung im plastischen Andachtsbild ( Christus-Johannes-Gruppe, Schmerzensmann, Vesperbild u.a.). Mit ihnen ist nicht nur eine gesteigerte dramatische Expressivität oder lyrische Empfindsamkeit, also Differenzierung der Empfindung verbunden. Wie in der Malerei (eingeleitet in Italien im 13. Jh. z. T. durch den byzantinischen Ikonenexport begünstigt) bildet sich eine innigere, wechselseitige Bindung von Bildwerk und Nutzer, die in einem längeren Prozess das Bildwerk/Bild sprachfähig für feinste emotionale Schwingungen macht und damit der Subjektivität der Adressaten und der Künstler überantwortet. Der bis Mitte des 14. Jh. vorherrschenden abstrahierenden Tendenz antwortet seitdem eine neue plastische Fülle des Körperlichen, eingeleitet bereits nach 1300 u.a. in der lothringischen Plastik. Ihren Höhepunkt bilden die Parler-Plastik in Prag und die gleichzeitige Pariser Plastik (A. Beauneveu u.a.) mit den ersten echten Bildnissen im höfischen Auftrag. Auf diesen Voraussetzungen und ihrer spezifischen Umgestaltung unter veränderten gesellschaftlichen krisenhaften Bedingungen (Schisma usw.) beruht der sog. Weiche oder Schöne Stil um 1400 (auch »Internationale Gotik« genannt), mit dem die Gotik noch einmal in großer gesamteuropäischer. Einheitlichkeit erscheint (bes. ausdrucksvoll in den Schönen Madonnen).

Hingegen zeigen die nahezu gleichzeitigen Figuren C. Sluters in Dijon bzw. C. von Einbecks in Halle nicht nur eine neue Verselbständigung der Figur in bezug auf die Architektur, sondern auch eine ausdrucksdifferenzierte psychologische Vergegenwärtigung, die über die Gotik hinausweist. Im gesamten 14. Jh. tritt dabei auch für Plastik der städtebürgerlichen Auftraggeber immer mehr in Erscheinung, mit ihm v.a. ist seit dem 2. Drittel des 15. Jh. die anhaltende Blüte der spätgotischen »floriden« Plastik (M. Baxandall), in Deutschland (H. Multscher, N. Gerhaert van Leyden; B. Notke; A. Pilgram, M. Pacher, T. Riemenschneider, V. Stoß, H. Backoffen, H. Leinberger u.a.) verbunden. Jedoch lassen große höfische und aristokratische Aufträge u.a. für N. Gerhaert und B. Notke vor einer einseitigen Betonung des Nurbürgerlichen der spätgotischen Plastik warnen. Um 1430 wird auch in der Plastik (Multscher) der Bruch mit dem Schönen Stil und seinen artifiziell gesteigerten sinnlichen Kultbildern vollzogen. Ein anderer Ernst und eine entsprechende Dringlichkeit wird mit dem expressiven und knittrigen Aufbrechen der idealen Schönlinigkeit des Faltenstils und der Figurenbewegung durchgesetzt. N. Gerhaert wird mit seinen Arbeiten der Mitte des 15. Jh. maßstabsetzend (bewegte Körperform, räuml. Gewandbildung, Individualisierung des Antlitz).


 

[Lexikon der Kunst: Gotik, S. 17 ff. Digitale Bibliothek Band 43: Lexikon der Kunst, S. 10950 (vgl. LdK Bd. 2, S. 809 ff.) (c) E. A. Seemann]